Erst Kind, dann Karriere? Ein steiniger Weg für Gastmum Sarah

am 28.02.2016

Kind, Karriere klappt doch oder? Das ist leider in den wenigstens Fällen so einfach, wie es klingt. Gerade wenn man aktuell mit Frauen spricht, sind wir trotz Elterngeld, Elterngeld plus Mutterschutz etc. lange nicht da, wo wir sein könnten.

Besonders hart trifft es diejenigen, die jung  – vielleicht direkt nach der Ausbildung oder vorher – den Kinderwunsch ausleben und eine Familie gründen. Klar, denn sie sitzen noch nicht fest im Sattel in irgendeinem Beruf. Ihnen stehen Praktika und Co noch bevor und wer will da schon jemanden einstellen, der anscheinend unflexibler und weniger spontan ist? Der Marktwert mit Kind sinkt bei Frauen leider noch immer rapide. Gastmum Sarah erzählt von ihren Erfahrungen.

Zunächst zu mir:
Ich bin Sarah Niesmialek, 30, verheiratet und ich habe ein kleines Wunder zu Hause: meine Tochter Louise (2). Moment, 30? Und ich berichte darüber, wie es ist ein Kind vor dem Job-Einstieg zu bekommen? Ganz einfach, ich habe nach dem Abitur eine Ausbildung zur Marketingkauffrau gemacht und danach 1,5 Jahr als Kontakterin gearbeitet. Anschließend habe ich mich noch entschieden Modedesign zu studieren. Und währenddessen wurde ich dann schwanger. Das war keinesfalls Zufall. Mein Mann und ich hatten uns bewusst entschieden, ein Baby während meines Studiums zu bekommen. Es war einfach Zeit für uns, ganz persönlich – unabhängig von unserer beruflichen Situation. Wir sind unserem Herzen gefolgt. Und das würden wir auch immer wieder machen. Allerdings begründeten wir diese Entscheidung auch mit der Hoffnung, dass wir in Deutschland etwas fortschrittlicher sind, als es sich im Nachhinein herausstellte…

Hatte ich Hilfe?

Ja, während der Schwangerschaft und in den ersten Monaten nach der Geburt hatte ich alle Hilfe, die man sich vorstellen kann. Die Familie und Freunde waren da, sodass ich meinen Bachelor noch über die Geburt hinweg abschließen konnte. Louises Stichtag war nämlich zwei Tage nach der Abschlussmodenschau und meine Bachelor-Präsentation musste ich noch 13 Tage vor der Geburt halten. Mit Hilfe, hochrotem Kopf und einer Riesenkugel, aber ich habe es geschafft meine Models zu sortieren, zu stylen, meine Poster und Booklets auszustellen und meine Powerpoint-Präsentation (sitzend) zu halten. Ich bin sehr stolz auf diese Leistung, denn das zeigt mir wie belastbar ich eigentlich bin. Es gab dann noch Hausarbeiten, die ich zwischen dem Stillen und Genesen zu schreiben hatte, aber 8 Wochen nach Louises Ankunft konnte ich mein Zeugnis in Händen halten.

Meine Jobsuche

Zirka ein halbes Jahr nach der Geburt begann ich die Jobsuche. In Hamburg hat man es als Modedesignerin schwer, weil es kaum Stellen gibt. Daher, muss man auch als kreative Seele in anderen Bereichen, wie Marketing, Einkauf, Redaktion usw. wildern. Als gelernte Marketingkauffrau, die dann auch noch studienbegleitend im Content-Management aushalf, dachte ich mir, werde ich es schon nicht so schwer haben. Ich habe gute Zeugnisse und Lebenserfahrung. Eigentlich cool, oder? Na ja. Und während man uns im Bewerbungstraining noch einbläute, dass man heute nicht so viel persönliches, also Familienstand oder den Fakt, dass man Kinder hat, preisgeben muss, zeigte mir die Realität anderes:

Ich bewarb mich auf einen Job, der wirklich perfekt gewesen wäre. Der Design-Stil zu mir und dann war das Büro nur 5min von zu Hause. In dieser Bewerbung ließ ich meine Tochter raus. Und das wurde mir dann im Gespräch um die Ohren gehauen. Ich habe es natürlich angesprochen, weil man ja über sich als Menschen spricht und ich es auch seltsam gefunden hätte, es nicht zu erzählen. Aber mir wurde wutentbrannt entgegnet, ich wolle wohl Tatsachen verschweigen und das wäre ja Urkundenfälschung und und und. Als ich entgegnete, dass man das ja heutzutage nicht mehr erwähnen müsse (Datenschutz, etc.), war die die Person ruhig, aber das Gespräch zu Ende. Kurz nach diesem Erlebnis hatte ich Glück und konnte über eine ehemalige Kommilitonin einen Job ergattern.
Ein kleines Büro mit 100% Frauen, davon 1 Mutter. Jackpot, dachte ich. Dazu noch gut bezahlt und auch nicht so weit. In der Zeit wurde meine Tochter gerade in die Kita eingewöhnt und wurde natürlich auch krank. Selbstverständlich – möchte man meinen. Aber aufgrund von guter Organisation mit der Familie, musste ich für Louise nur ein paar Tage zu Hause bleiben (aber angesteckt habe ich mich natürlich auch mal). Doch nach kurzer Zeit wurde ich wieder entlassen, ich würde zu viel fehlen und nicht genug brennen für den Job. Oh! Eine Welt brach zusammen. Kind krank, schläft nicht, ich somit auch nicht. Klar, dass ich dann nicht hüpfend durch das Büro tanze, aber mir vorwerfen, ich würde nicht für den Job brennen? Ich war 40h da, so wie alle anderen, teilweise länger und das unter Schlafmangel und Sorgen ums Kind. Aber das reichte wohl nicht.
Am Ende waren es wohl noch ein Dutzend andere Gründe, warum ich gehen musste. Ich stand allerdings wirklich blöd da, denn durch Studium und Elternzeit war ich ja nicht lange genug sozialversicherungspflichtig angestellt und Arbeitslosengeld somit auch nicht sicher. Das zermürbt einen. Man zweifelt an sich selbst und die Bewerbungen die man schreibt werden von Mal zu Mal schlechter, weil das Selbstvertrauen schwindet. Und dann soll man selbstsicher und offen in Gespräche gehen und patent sein Mutterdasein vertreten? Schwierig.

Ich bin einmal davon ausgegangen, dass man in Deutschland Nachwuchs braucht. Und dass man, wenn man sich dafür entscheidet und danach direkt arbeiten möchte, auch wohlwollend aufgenommen wird. Oder anders gesagt, ich dachte, das sei normal und das ginge einfach so. Es gäbe Teilzeitstellen oder Homeoffice oder oder… Stattdessen wird man mit konservativen Vorurteilen und unflexiblen Begebenheiten konfrontiert. Eine Freundin erlebte sogar den Satz „Sie haben ein süßes Handicap, Ihre Tochter.“ Und damit sprach dieser Mensch genau das aus, was ich erlebt habe. Als mit Kind in den Beruf einsteigen oder ihn zu wechseln ist ein „Handicap“.

„Ich bin einmal davon ausgegangen, dass man in Deutschland Nachwuchs braucht. Und dass man, wenn man sich dafür entscheidet und danach direkt arbeiten möchte, auch wohlwollend aufgenommen wird. Oder anders gesagt, ich dachte, das sei normal und das ginge einfach so. "

Was rate ich anderen Müttern?

Viel kann ich (noch) nicht raten, da ich selbst noch nicht aus dieser seltsamen Situation herausgekommen bin. Ich kann nur von jeder Mutter erwarten und erhoffen, dass sie sich nicht unterkriegen lässt, dass sie weiter kämpft, dafür dass unsere Töchter (und Söhne) es einmal einfacher haben. Und dass sie nicht aufgibt, auch wenn sie es vielleicht (finanziell) kann. Denn meiner Meinung nach gibt es da draußen sehr viele Frauen, die, vielleicht aus ihrem natürlichen Harmoniebedürfnis heraus, nicht in den Kampf um eine adäquate Arbeit ziehen oder vielleicht aus Angst oder Bequemlichkeit lieber ein paar Jahre zu Hause bleiben, um dann später wieder in einen Job einzusteigen, für den sie eigentlich endlos überqualifiziert sind.

Würde ich es wieder so machen?

Das ist schwierig zu beantworten. Nach dem Schreiben dieser Zeilen fühlt es sich an wie „Nein“. Aber würde ich mich für meine Tochter wieder entscheiden? NATÜRLICH. Und würde ich in der Zeit zurückreisen und mir selbst von dieser Zukunft erzählen – dann wäre ich stur und würde es trotzdem machen, aber ich wäre danach nicht so desillusioniert und entsetzt.

Was wünsche ich mir?

Ich wünsche mir, dass wir Frauen (alle) erkennen, dass unsere Gesellschaft ein Problem mit Müttern im Job hat und dass wir gemeinsam dagegen kämpfen. Ich wünsche mir, dass Unternehmen schließlich flexibler und kinderlose Menschen aufgeschlossener werden.

„Ich wünsche mir, dass wir Frauen (alle) erkennen, dass unsere Gesellschaft ein Problem mit Müttern im Job hat und dass wir gemeinsam dagegen kämpfen. "

Lieben Dank Sarah für deine Geschichte und alles Gute!

Wenn auch Ihr Lust habt, uns von euren Erfahrungen zu berichten, schreibt uns gerne.

 

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