Wir wollen nach Kanada – Teil 1

am 19.01.2018

Rosa von minikri hat es getan. Sie hat ein Sabbatical für zwei Monate eingereicht, ein Häuschen mitten in Kanada gebucht und mit einem Truck, ihrem Mann und ihren zwei Kinder ein Land der unvorstellbaren Schönheit kennengelernt. Wo sie genau waren, wie sie ihre Kinder aus der Schule nehmen konnte und welche Tipps sie noch für uns hat? Das lest ihr hier, in ihrem wirklich sehr ehrlichen und persönlichen Reisebericht. Richtig toll!

Wer wir sind? Und warum ausgerechnet Kanada? Das lest ihr heute hier.

Wir sind Rosa und mein Mann Rob, 38 & 39 Jahre alt, Lilli 8 Jahre und Fanny 11 Jahre. Seit 14 Wochen haben wir ein neues Familienmitglied. Louis, unser Hund. Wir leben im Westen von Stuttgart und haben schon immer von einer Auszeit geträumt.

Mein Arbeitgeber LIGANOVA hat mir das Sabattical damals genehmigt und mein Mann konnte 2 Monate unbezahlten Urlaub nehmen. Und unsere Kinder? Die konnten wir tatsächlich aus der Schule befreien (das war übrigens wirklich ganz einfach, im Blog Post morgen Kanada GOOD TO KNOW mehr dazu.)

Und warum Kanada? Lilli geht in eine bilinguale Klasse und wir wollten gerne in ein Englisch-Sprachiges Land und eines mit einer relativ hohen Lebensqualität. Außerdem lieben wir das Wasser und die Berge. Amerika kam für uns wegen Trump nicht mehr in Frage – England zu kalt und zu nah – Australien zu viele Spinnen und Schlangen und zu teuer. Ausschlussverfahren sozusagen. Und schon waren die Flüge quasi gebucht.

STUTTGART – VANCOUVER

Auf einmal war sie da – die lang ersehnte Auszeit. Wir hatten gar keine Zeit vorab, uns zu überlegen, wie es so sein wird: Zu viert. Auf einander angewiesen. Ohne Ausweichmöglichkeiten.

East Vancouver 

Der Flug ist völlig entspannt. Alles funktioniert reibungslos und wir landen erholt am 29sten Juni 2017 in Vancouver. Jeder von uns hat einen Koffer und einen Rucksack, den er selbst tragen können muss. Wir nehmen den Skytrain zu unserem Haus. Es gibt einen Plan. Zwei Monate Kanada mit unseren beiden Töchtern, 7 und 11 Jahre alt. Plötzlich ist er Realität. Wir ziehen in ein hübsches lindgrünes kanadisches Holzhäuschen mit weißen Fenstern. Unser Viertel: East Vancouver, Commercial Drive. Ein sehr buntes, lautes Viertel. Kein Wohlstand. Viele Obdachlose, die an Straßenecken und den Skytrain Eingängen sitzen. An jeder Ecke riecht es nach Cannabis, ab und zu schreit eine Person plötzlich zusammenhangsloses, wirres Zeug über die Straße – aber das scheint hier keinen zu beeindrucken. Andere ziehen sich einfach auf der Straße aus. Wir lesen, dass man hier wohl vor etwa zehn Jahren einige Psychiatrien geschlossen hat und ab da wundern wir uns auch nicht mehr. Diese oft sehr sonderbaren Menschen sind wundervoll integriert. Sie werden als Teil der Gesellschaft betrachtet. Uns fällt auf, dass hier auch mit Obdachlosen im Bus gesprochen wird, dass sie oft kostenlos mitfahren dürfen, und dass man sich, wenn man aus dem Bus aussteigt beim Busfahrer bedankt. Die Kinder gehen ängstlich an unseren Händen durch das Viertel, sie zerquetschen unsere Hände. Sie sind angespannt, weil sie das, was sie sehen, nicht kennen. Wir müssen das auch erstmal einordnen. Hier und da, brabbelt jemand apathisch vor sich hin. Wir werden immer wieder angesprochen. Meistens von Menschen mit einer Fahne bis nach Jericho. Und in manchen Vierteln sieht man kilometerweise Junkies auf den Straßen. An den Straßenecken bauen Sie Ihre Verkaufsstände auf. Alte Klamotten, Kassetten und was bei uns auf dem Sperrmüll landet, wird hier auf dem Boden ausgebreitet und verkauft. Die Menschen, die uns entgegen kommen, könnten gemischter nicht sein. Es gibt viele Asiaten, manche sehen europäisch aus, viele aber auch indianisch. Natürlich gibt es auch die sogenannten „First Nation People“. Die Schere zwischen Arm und Reich ist enorm. In unseren Köpfen sortieren wir. Wir kategorisieren. Wir schätzen ein. Wir lernen. Und wir streiten. In den ersten paar Tagen vergeht kein Tag, ohne, dass wir uns mehrmals am Tag streiten. Um den Einkauf, das Mittagessen, um die Wäsche, darum, was wir als nächstes tun werden.

„In unseren Köpfen sortieren wir. Wir kategorisieren. Wir schätzen ein.
Wir lernen. Und wir streiten. In den ersten paar Tagen vergeht kein Tag, ohne, dass wir uns mehrmals am Tag streiten. Um den Einkauf, das Mittagessen, um die Wäsche, darum, was wir als nächstes tun werden."

Wir sind verunsichert, alle. Wir haben nichts, woran wir uns festhalten können. Keinen ritualisierten Tagesablauf, keine fixen Pläne. Wir schwimmen in einem Meer von Möglichkeiten und sind eigentlich nur finanziell limitiert. Mich erwischt es am schlimmsten. Ich trauere fast schon um meinen festen Tagesablauf in Stuttgart. Um meine Struktur und um meine vielen Pflichten.

 

Es vergehen ein paar Tage, bis wir uns angekommen fühlen. Bis wir selbst einschätzen können, wo wir sind. Unser chinesischer Nachbar, um die fünfzig, lebt bei seinen Eltern, ist ein netter Typ. Er begrüßt uns jeden Morgen und hat ein paar nette Worte für uns übrig. Dann beginnt die Schule für die Kinder. Drei Wochen, in denen wir bis nachmittags alleine sind. In diesem Moment noch unvorstellbar. Drei Wochen nur zu zweit? Wir bringen die Kinder jeden Morgen zu Fuß in die Schule. Die Beiden lieben es und gehen richtig gerne dort hin. Ein Ausflug jagt den anderen und die Klassen sind wirklich ganz international. Nach einigen Tagen fragt uns eine unserer beiden Töchter (deren Namen ich nicht nennen darf ) was eigentlich: „I am afraid“ heißen würde. Wir antworten Ihr, dass „I am afraid“ übersetzt „Ich habe Angst“ heißt. Darauf hin schweigt sie eine Weile und antwortet nach ein paar Minuten: „Ach so, ich dachte „I am afraid“ heißt „Ich bin erfreut“ und deshalb hab ich immer, wenn sich jemand bei mir vorgestellt hat „Hi, I am afraid“ geantwortet. Wir kringeln uns vor lachen.

Und wir kommen an in Kanada und sind glücklich.

Nach ein paar Tagen ist uns unser Viertel vertraut. Wir lieben es, in den kleinen Läden einzukaufen, in denen man wirklich die allerbesten Obst- und Gemüsesorten bekommt. Fast alles ist Bio und fair gehandelt. Es gibt in allen Supermärkten Schütten in denen man sich Vorräte in mitgebrachte Gefäße abfüllen kann.

Die Kanadier haben null Berührungsängste. Sie sind hilfsbereit und sehr neugierig. Und sie lieben Hunde. Überall sind Hunde. Sehr viele wohlerzogene, große gepflegte Hunde. Um Hunde zu halten benötigt man einen Hundeführerschein. Wir sind Begeistert von der Idee einen Familienhund zu haben. Der Wunsch wächst. (Und seit nun zwei Monaten haben wir Familienzuwachs. Der kleine Louie begleitet uns jetzt in Stuttgart auf Schritt und Tritt.)

Wir werden in Kanada häufig angesprochen. Auf der Straße – im Bus. Jeder will wissen, woher wir kommen. Und dann folgt meistens ein anerkennendes Nicken. Deutsche sind hier gerne gesehen.

Die Kinder brauchen 30 Minuten für den Hin- und 30 Minuten für den Rückweg. Diese Zeit für eine Begleitung auf dem Schulweg würden wir uns zuhause niemals nehmen. Ohne Kinder ist es still in unserem neuen Zuhause. Wir machen etwas Hausarbeit und arbeiten ein paar wenige wichtige Mails ab. Es ist weder Alltag noch Urlaub.: Ein „schwebend unwirksamer“ Zustand.

Das Urlaubsgefühl lassen wir nicht zu – keiner macht zwei Monate Urlaub.
Schließlich ist das hier ja etwas Anderes. Aber was ist es eigentlich? In unserer Nachbarschaft gibt es einen öffentlichen Tennisplatz. Rob gibt mir jeden Tag eine Stunde Tennistraining. Wir gehen in den ersten paar Tagen unglaublich viel zu Fuß und saugen alles auf. Trotz allem hat jeder seine eigene Erwartungshaltung an die kommenden zwei Monate. Wir haben uns zum Beispiel vorgenommen nicht zu rauchen und keinen oder wenig Alkohol zu trinken. Vielleicht ist es auch das, was uns die ersten paar Tage so sehr aufs Gemüt schlägt. Irgendwie ist es auch eine Last. Wir möchten schließlich aus den zwei Monaten „etwas machen“ und „etwas mitnehmen“. Wir beginnen also mit ein paar Ritualen. Eines davon ist der Handstand. Jeder von uns vieren macht jeden Tag einen Handstand. Da eh schon alles Kopf steht tut das gut. Natürlich halten wir das nicht durch. Das Nichtrauchen schon.
Nach ein paar Tagen ist uns unser Viertel vertraut. Wir lieben es, in den kleinen Läden einzukaufen, in denen man wirklich die allerbesten Obst-und Gemüsesorten bekommt. Fast alles ist Bio und fair gehandelt. Es gibt in allen Supermärkten Schütten in denen man sich Vorräte in mitgebrachte Gefäße abfüllen kann. Die Kanadier haben null Berührungsängste. Sie sind hilfsbereit und sehr neugierig. Und sie lieben Hunde. Überall sind Hunde. Sehr viele wohlerzogene, große gepflegte Hunde. Um Hunde zu halten benötigt man einen Hundeführerschein. Und wenn man die „Hundekacke“ nicht mitnimmt, dann bekommt man eine Strafe über 2000 Kanadische Dollar.

Sie sprechen uns oft an. Auf der Straße, im Bus. Jeder will wissen, woher wir kommen. Und dann folgt meistens ein anerkennendes Nicken. Deutsche sind hier gerne gesehen.

Nach drei Wochen verlassen wir unser kleines liebgewonnenes Hippie-Viertel East Vancouver und ziehen nach Downtown. Wir haben uns richtig eingewöhnt, kennen die Wege, die Bettler die Obdachlosen, die Verkäufer in den Läden und sind fast schon traurig.

Dann kommt das Kontrastprogramm: 38ster Stock. Pulsierende Innenstadt. Es ist heiß und wir erkunden alle Outdoorpools der Stadt. Sehenswürdigkeiten natürlich auch. An den Wochenenden fahren wir raus aus der Stadt. Wir brauchen Natur. Berge. Bäume. Davon gibt es mehr als genug. Der Kanadische Regenwald in der Gegend mit seinen Farnen sieht aus, wie aus einem Herr der Ringe Film.

Wir entdecken Kombucha für uns. Ein fermentiertes Teegetränk das hier mega angesagt ist.

Und immer wieder auch kleinere Prüfungen: Stundenlanges Warten auf den Bus nach Hause zum Beispie Und dann ist der Bus zu voll. Weiter warten. Sich einlassen und durchhalten.

Oder schlafende Kinder auf dem Arm durch die Nacht tragen, weil sie einfach nicht mehr können und wir uns zu viel zugetraut haben.

Ja und eben nein.
Durch die Nähe zueinander gibt es keinen Puffer. Alles wird sofort kritisch wahrgenommen, kommentiert und beurteilt. Das strengt an.
Wir lernen eine nette Familie aus Berlin kennen und treffen uns einige Male. Ich gehe in den Chor und wir hören uns ein kleines Konzert in unserer Kneipe ums Eck an. Plötzlich ist der erste Monat vergangen. Halbzeit. Erste Bilanzen.

Haben wir uns verändert? Wir arbeiten hart an uns. Kritisieren uns gegenseitig. Jeder jeden. Das kostet Energie.

Im Camper

Anfang August holt Rob den Camper und wir fühlen uns, als ginge jetzt endlich der Urlaub los. Links von uns liegt der blaue Pazifik, rechts schneebedeckte Bergspitzen. Ein Traumpanorama. Es fühlt sich nach großer Freiheit an. In die Wildnis losziehen. Wir campen zwei Nächte wild, bis wir uns ins Touristenparadies Whistler begeben.

Seen. Berge. Seen. Schneebedeckte Gipfel.  Ich finde, es sieht aus wie in der Schweiz. Nur, als wäre die Schweiz im Miniatur Format, 1 zu 100 gebaut und das hier wäre 1 zu 1.  Alles hier ist groß. Die Autos, die Straßen.

Wir gucken abends Sterne und die wichtigste Frage des Tages wird: „Was sollen wir heute kochen?“ Das ist ein schönes, ein leichtes Urlaubsgefühl.

„Die Kanadier erleben wir als tiefen entspannt. Insbesondere beim Autofahren haben sie die Ruhe weg."

Dann konfrontiert uns die Natur mit Gewalt: Am zweiten Tag unserer Tour fahren wir stundenlang durch dichten gelben Rauch. Es gibt starke Waldbrände. Hunderte von Kilometern zieht sich der Rauch und brennt in den Augen. Die Sonne ist ein einziger kleiner roter Ball am Himmel, die Sicht keine 100 Meter mehr. Es ist beklemmend.

Als wir endlich wieder draußen sind, scheint die Sonne und wir kommen in Clearwater an. Wir wandern zu einem wunderschönen Wasserfall, hinter dem man entlanggehen kann. Danach sind wir pitschnass aber glücklich. Trotzdem ist es schwierig, dass die Distanzen hier immer so weit sind. Jede Touristenattraktion ist Kilometer weit entfernt – hier empfindet man das nicht als Entfernungen – nur für uns Europäer sind das welche.

Das viele Fahren finden wir so mittelmäßig angenehm, obwohl die Kinder super mitmachen. Wir übernachten wild auf Parkplätzen oder auf unscheinbaren Campingplätzen, sofern wir einen Platz bekommen. Abends ist es mucksmäuschenstill auf den Plätzen. Man kann Stecknadeln fallen hören.

Es geht hunderte von Kilometern durch die Rockies. Ab und zu sitze ich mit den Mädels vorne und wir singen unsere Lieblingslieder mit. Mein Herz hüpft. Ich höre meinen Töchtern so gerne beim Singen zu. Beim Fahren geht mir vieles durch den Kopf. Und irgendwann nach hunderten von Kilometern überkommt mich eine unglaublich tiefe Dankbarkeit und eine innerliche Ruhe stellt sich bei mir ein. Langsam. Aber ich spüre, wie sie sich in mir ausbreitet.

Wir kommen zum Jasper Nationalpark. Laut geplanter Route soll das eines unserer großen Highlights sein, abends müssen wir uns vor vielen Mosquitos schützen und gucken uns die Cariboos (ähnlich wie Rentiere) an, die im Wald um ins herum nach Futter suchen. Wir besuchen die Miette Hot Springs und ziehen uns traditionelle Badeanzüge aus den 20er Jahren an. Darin sehen wir ziemlich lustig aus. Am nächsten Tag besuchen wir den Maligne Lake. Wir müssen aber feststellen, dass uns vieles zu touristisch und zu gut erschlossen ist.

Und wir als Segler wundern uns, weshalb die Kanadier nicht auf ihren Seen segeln?

Die Kinder sind super gelaunt und machen es uns leicht, darüber hinweg zu sehen, dass wir Erwachsenen uns mehr erwartet hatten. Sie genießen die Reise sehr, das merkt man ihnen an. Nicht, dass sie sich weniger streiten würden- aber es gibt einfach viele fröhliche Momente, in denen wir sie ganz ausgelassen, befreit und völlig gelöst erleben. Es sind immer wieder Kleinigkeiten weswegen wir in glückliche, sommersprossige Gesichter blicken: Warme Campingduschen zum Beispiel.

Abends spielen wir zusammen Karten und lachen viel.

Die Nationalparks sind natürlich landschaftlich äußerst beeindruckend. Komfort, Strom oder WLAN bieten sie aber nicht.  Man ist hier sehr stolz auf diese Art „Naturverbunden-heit“. Und uns fällt auf wie sehr wir doch an so vieles gewöhnt sind.

Wir wählen die Route über Jasper nach Banff. Unterwegs machen wir noch halt am Lake Louise. Und ja, es ist wirklich atemberaubend schön. Wir spazieren um den  See und strecken unsere Füße in das eiskalte Gletscherwasser. Es ist herrlich sonnig und herrlich glitschig und matschig. Aber unser Nationalpark- Limit ist dennoch erreicht.

Es zieht uns wieder in die Zivilisation. Dahin wo es Schwimmbäder und große Supermärkte gibt.  Und da treffen wir dann auch auf gleichaltrige Kinder zum Spielen. Endlich.

Überhaupt merkt man dem Land auch des Öfteren an, dass es einfach noch ganz schön jung ist. Gerademal seit 150 Jahren gibt es Kanada. Verglichen zu Europäischen Staaten ist das nicht mal die Pubertät. Dafür finde ich es gut organisiert. Überhaupt scheint hier viel Geld die öffentlichen Einrichtungen zu erreichen. Auf einer Hop on Hop off Tour ist von berühmten Menschen die Rede. Und hier ist das eben einer, der den Kindern der Stadt das Schwimmen beigebracht hat und „bei uns“ sind es eben Goethe oder Schiller. Das ist schon ein kleiner Unterschied. Daran erkennt man, dass die Städte unglaublich jung sind und auch noch nicht so viel zu erzählen haben.

Unsere Tour bringt uns auf der Rückreise wieder an wundervollen Seen vorbei, auf denen schwere Schwaden Rauch der Waldbrände liegt. Alles wird dadurch trüb und trist.

Wir schlafen täglich bis halb zehn und kuscheln danach zu viert im Bett und erzählen uns unsere Träume.

Wir spüren, diese Zeit zusammen kann uns keiner mehr nehmen. Und dann stellen sich doch noch ein paar Dinge ein, an denen man die offensichtliche Entspannung „messen“ kann. Ich brauche zum Beispiel nachts keine Knirsch-Schiene mehr. Ich knirsche einfach nicht.

Bis zum Ende unserer Reise sind es noch zweieinhalb Wochen und mindestens vier Ortswechsel. Ob wir trotzdem entspannt zurück kommen werden? Auf der Fähre zurück ans Festland begleiten uns plötzlich und ganz unerwartet ein paar Wale. Es sind drei und wir sehen ihnen zu, wie sie wie in Zeitlupe durch das Wasser gleiten und rhythmisch das Wasser in die Luft pusten. Es ist surreal und es berührt mich. Ich stehe alleine an der Reling und genieße den Moment. Diese grenzenlose Schönheit der Welt macht mich ganz demütig. Wir fliegen an die Westküste.

 

„Wir wählen die Route über Jasper nach Banff. Unterwegs machen wir noch halt am Lake Louise. Und ja, es ist wirklich atemberaubend schön."

Toronto

Nach 30 Stunden unterwegs sein kommen wir in Toronto an. Wir sind müde vom Traveln und vom Sightseeing. Niemand von uns ist heiß auf Besichtigungen. Wir gehen an den Strand. Man meint, man sei am Meer. An manchen Tagen haben wir das Gefühl, nichts Anderes zu tun als Frühstück, Mittag- und Abendessen zu organisieren und öffentliche Toiletten zu suchen. Dreimal am Tag für Nahrung zu sorgen, kann in Stress ausarten. Irgendwann fällt einem gar nichts mehr ein oder die Gerich- te hängen einem zu den Ohren raus. Aber aus Kostengründen ist die Auswahl gering. Wie einfach wir es haben, dass es zuhause in Deutschland nur zwei Mahlzeiten am Tag gibt und jeweils für alle das Gleiche gekocht wird. Fanny fragt mich, weshalb wir eigentlich unser ganzes Geld loswerden müssten. Ich muss lachen. Vielleicht ist es zuhause gar nicht so viel billiger, es fühlt sich hier nur so nach ständigem Geldausgeben an, weil man dauernd zu viert ist und jede Ausgabe zusammen erlebt. Was für einen Luxus wir doch in Stuttgart haben. Alles erschwinglich.

Ich nehme zurück, was ich über die Laid Back Kanadier erzählt habe. Hier in Ontario wird ständig auf den Straßen gehupt. Kein Vergleich zu B.C. Wir zählen die Tage bis zum Abflug. Es sind noch zehn Tage. Wir bekommen die Nachricht, dass bei uns zuhause eingebrochen worden ist. Während M. geschlafen hat, haben sich die Einbrecher neben ihrem Kopfkissen unseren Büroschrank vorgenommen. Gott sei Dank haben sie nicht all zu viel mitgenommen. Sie sind wohl von M. überrascht worden… Wir blasen kein Trübsal. Wozu auch.

Freude auf Zuhause stellt sich ein. Auf Familie und Freunde.

Topografisch ist Toronto ganz flach, im Gegensatz zu Vancouver. Trotzdem gibt es viel weniger Radfahrer und viel weniger Bioläden. Wir haben das Gefühl man ist hier weniger entspannt- ein anderes Lebensgefühl. Unser nächstes Ziel wird Kingston sein. Das liegt zwischen Toronto und Montreal. Manchmal habe ich das Gefühl, wir machen eine Tour durch die öffentlichen Schwimmbäder Kanadas. Das Toronto Olympic Swim Center besuchen wir natürlich auch. Ein cooler Bau aus Beton. Und: tadaa: Kostenlos! Direkt am Strand des Ontario Lakes, den wir anfangs für das Meer hielten, weil man weit und breit kein anderes Ufer zu sehen bekommt und es sogar Wellen und Sandstrand gibt. Die Niagara Fälle sind etwa 150 km entfernt und daher ein Muss auf unserer Reise. Wieder sind wir überwältigt von so viel Natur-gewalt Niemals zuvor haben wir auf einer Reise mehr Wasser gesehen als in Kanada.

Abends malen die Kinder fleißig und ich schreibe oder lese mich in die Kombucha Wissenschaft ein. Rob macht nebenher ein paar Liegestützen und es ist einfach nur schön. Der Abschied rückt näher.  Wir lassen die Reise Revue passieren. Als ich die Kinder frage, was ihnen an unserer Reise nicht gefallen hat, fällt ihnen nichts ein.

Montreal

Wir machen uns mit dem Auto auf dem Weg nach Montreal. Rob hat einen super Orientierungssinn, und so finden wir uns gut zurecht. Montreal ist architektonisch wunderschön. Die Stadt hat eine richtige Altstadt und liegt wunderschön am Lorenz Strom. Das französische Englisch klingt für uns sehr lustig: ein bisschen roh und sehr breit und einmal verstehe ich einen Mann ewig nicht, der Beurre (also Butter) sagt aber er sagt : Bar.

Wir genießen die Tage in unserem letzten AirBnB Apartment. Alle Hosts waren wirklich sehr zuvorkommend und unsere Unterkünfte eigentlich fast immer tiptop. Die letzten zwei Tage verbringen wir im Hotel. In der Hotelbar ziehen Rob und ich Bilanz.

Wir sehen unsere Kinder an. Sie sind viele Zentimeter aber noch mehr über sich hinaus gewachsen. Wir finden, wir haben zwei wundervolle, weltoffene Kinder, die Menschen angstfrei und unvoreingenommen begegnen können. Die mutig sind und ihrer Zukunft voller Neugierde entgegenblicken. Die schon Dinge ins Verhältnis setzen können. Die sich trauen englisch und sogar französisch zu sprechen. Die sich als Geschwister gefunden haben und sich aufeinander verlassen können.

Rob und ich wissen, dass wir es gut und lange mit uns alleine aushalten können. Unsere Liebe ist stark. Also wahrscheinlich stark genug für ein ganzes Leben. Das wäre doch was. Unsere Köpfe sind positiv leer und unsere Gedanken sind frei und es passt wieder viel hinein. Nicht nur wir selbst passen dort hinein. Auch die Gedanken an Andere.

Das allein ist es vielleicht schon Wert gewesen, denke ich und freue mich auf zuhause, auf Familie, Freunde, die Arbeit und auch ein bisschen auf ein paar Momente alleine, mit mir selbst.

1000 Dank liebe Rosa für die tollen Tipps! 

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