Interview mit Anne Loewer

Lilian am 22.01.2015

Kinder

Daniel, 7 Jahre& Bennett, 5 Jahre

Wohnort / Stadt oder Land und ggf. weshalb

Seit 4 Jahren wohnen wir wieder in München. Wir sind vom Starnberger See zurück in die Stadt gezogen, weil ich kurze Wege mit dem Rad liebe.
In Possenhofen, so schön es dort auch ist, musste ich für jedes Brötchen mit dem Auto fahren.
Hier leben wir mit unseren Nachbarn und Freunden so unkompliziert zusammen. Jeder kann jedem helfen, weil alle in der unmittelbaren Nähe sind. Alle Nachbarskinder spielen zusammen. Immer ist jemand da und die Kinder können sich schon ganz selbständig bewegen

Ist Yoga für dich ein Beruf?

Ja klar. Yoga ist für mich Beruf und Berufung. Lernen und Leben.
Ich finde es ist ein unglaublich schönes Gefühl beruflich etwas zu tun, wo ich mit Leib und Seele voll dahinter stehe.

Wie bist du zum Yoga gekommen und speziell zum Yoga rund um das Thema Mama & Baby

Als Physiotherapeutin habe ich viele Menschen mit Problemen und Erkrankungen des gesamten Bewegungsapparates behandelt. Als mich meine Freundin Patricia Thielemann im Januar 2000 mit in die erste Yogastunde in L.A. bei Bryan Kest nahm, war ich begeistert. Nach ein paar Jahren folgte meine erste Yoga Ausbildung. Ein paar Jahre später war es wieder Patricia, die mir sagte, ich solle unbedingt die Prä/Postnatal Ausbildung machen, wozu ich zu Anfang aber überhaupt keine Lust hatte. Ich war schwanger, sehr fit, und fand Pränatalyoga damals irgendwie langweilig. Stattdessen habe ich fleißig mit meiner gewohnten Praxis weiter gemacht.
Bei der sehr langen und schweren Geburt meines Sohnes wurde mir aber klar, wie wenig ich dabei gelernt hatte richtig los zu lassen und mich zu öffnen.
Wenig später lernte Ich eine sehr erfahrene Hebamme kennen, bei der ich im nachhinein lernte, was bei einer Geburt wirklich passiert. Nicht nur körperlich, sondern auch mental und vor allem auch emotional.
Dadurch habe ich gesehen, wie wertvoll Yoga in der Schwangerschaft sein kann, und wie unglaublich gut es auch im Hinblick auf die Geburt ist, wenn man es auf die passende Weise praktiziert.
Also bin ich zu Patricia gefahren und habe meine erste Pränatal Ausbildung abgeschlossen. Bald darauf wurde ich wieder schwanger und habe mich dieses Mal ganz auf das Unterrichten von Pränatal konzentriert.

Yoga hat mir geholfen, die unglaubliche Erfahrung einer ganz natürlichen Hausgeburt zu machen. Ich habe am eigenen Körper gespürt wie perfekt die Natur ist, wie alle Funktionen des Körpers mit dem Geist ineinandergreifen, und das hat mir sehr viel Vertrauen in mich, mein Kind und in das Leben gegeben.

„Es ist dieser Moment, wo du dein kleines, zweifelndes, ängstliches „Ich“ überwinden musst, um deinem Kind sein Leben zu schenken.
"

Wie hat Yoga dein Leben verändert?

Auch bei der schönsten Hausgeburt gibt es, kurz bevor das Kind geboren wird, diesen Moment wo man aufgeben will und glaubt es nicht zu schaffen. Manchmal von großer Angst begleitet. Es ist dieser Moment, wo du dein kleines, zweifelndes, ängstliches „Ich“ überwinden musst, um deinem Kind sein Leben zu schenken.
Wie Leboyer* sagt, du nimmst dich aus dem Mittelpunkt raus und setzt dein Kind dort hinein. Yoga ist eine sehr gute Vorbereitung auf genau diesen Moment.
Diese Erfahrung der höchsten Kraftanstrengung verbunden mit der größten Hingabe aus der dann das Leben meines Kindes geboren wurde, war für mich so etwas wie eine Erleuchtung. Da war der Zustand des Yoga 100% präsent.
Diese Erfahrung hat mein Leben und meine Praxis absolut positiv verändert.

Was ist Fertility Yoga? Was muss man sich darunter vorstellen?

Fertility Yoga ist eine Kombination aus speziellen Asanas, Mikrobewegungen verbunden mit Atmung, restorativen Haltungen, Entspannung, Meditation und Visualisierungen, um sich auf natürliche Weise auf eine Schwangerschaft vorzubereiten. Egal ob der Wunsch nach einem Kind gerade erst entstanden ist, man schon lange versucht Schwanger zu werden, oder gerade Schwanger geworden ist. Auch zur natürlichen Unterstützung bei IVF Behandlungen ist es sehr geeignet, denn es schafft Raum und Ruhe im gesamten Becken. Hier werden Durchblutung und Energiefluss verbessert. Spannungen in Muskulatur und Bindegewebe gelöst und die Funktion der Ovarien unterstützt. Es gleicht das endokrine System aus und reduziert die Ausschüttung von Stresshormonen.

Fertility Yoga verbessert dauerhaft die Gesundheit und das Wohlbefinden von Frauen und bietet eine sichere Praxis, um die Selbstheilung des Körpers und emotionale Stabilität ganzheitlich zu unterstützen.

Kinderwunsch ist ein riesiges Thema und manch einer sagt, dass es künftig noch dramatischer wird (Stress, Hormone wie Pille etc). Was kann man mit Yoga erreichen?

Neben den genannten, körperlichen Wirkungen kann Yoga sehr helfen, den inneren Dialog zwischen Körper und Geist (body/mind) zu unterstützen, was in den medizinische Behandlungen nicht passiert.
Gerade bewegen sich die medizinischen Möglichkeiten zum Wunschkind mit riesigen Schritten voran. Doch je technischer und rationaler der Weg zum Kind wird, um so wichtiger finde ich die Unterstützung durch Yoga. Denn der Körper lässt sich nicht vom Geist und der Seele trennen.
Es geht außerdem ja auch nicht nur um die Schwangerschaft, gerade für das Leben mit einem Kind ist das Vertrauen sowie eine natürliche, vitale, stabile Beziehung zu sich und dem Kind von großer Bedeutung.

Du machst auch Babymassage, wie muss man sich das vorstellen und wie hilft das? Vielleicht auch speziell bei Schreibabys?

Mit der Babymassage schenkst du deinem Kind deine ungeteilte Aufmerksamkeit.
Eine Zeit am Tag, an der du nur für dein Kind da bist. Du lernst ganz genau dein Baby kennen. Was es mag, was nicht und wie es sich äußert.
Durch die Massage lernt dein Kind seinen Körper kennen und verbindet diese Selbsterfahrung mit einem wohligen, respektvollen, Wärme und Geborgenheit gebenden Gefühl. Deshalb hat man beobachtet, dass die Babymassage das Selbstbewusstsein eines Kindes positiv beeinflussen kann.
Es erfährt durch die Massage einen angenehmen Wechsel von An- und Entspannung. Diese Erfahrung hilft zum Beispiel dabei Spannungen zu verarbeiten und leichter in den Schlaf zu finden. Auch das Immunsystem wird stabiler.
Dadurch kann die Babymassage ausgleichend auf Kinder wirken die viel schreien.
Ich kombiniere gerne Babymassage mit Postnatalyoga. Dann kann auch die Mutter etwas für sich machen und beide sind glücklich.

Ersetzt Yoga einen Rückbildungskurs?

„Normales“ Yoga sicher nicht. Mami Baby Yoga wie ich es oft unterrichte, in dem Mütter mit ihren Kindern bis zum Krabbelalter teilnehmen, ersetzt die Rückbildung nur zum Teil. Ich empfehle immer, mit einem Rückbildungskurs zu beginnen und erst wenn wieder ein gutes Gefühl für die Aktivierung des Beckenbodens da ist, mit Yoga anzufangen. Das Beste, um nachhaltig einen stabilen Beckenboden zu bekommen ist immer noch es nach der Geburt langsam anzugehen. Immer wieder viel Liegen, entlasten, heilen lassen. Das zahlt sich später vielfach aus.

Machen deine Kinder auch Yoga? (Deine ganze Familie?)

Beide Kinder haben gerne Yoga gemacht. Ich habe eine Yogalehrerin für den Kindergarten organisiert, was dort super ankommt. Einmal hat Dani sich sogar einen Yoga- Kindergeburtstag gewünscht!
Wenn ich mal am Nachmittag zu hause übe, kommt meistens der Kleine und rollt seine Matte neben mir aus und übt mit. Er spielt auch gerne Lehrer und zeigt mir was ich tun soll. Dabei kommen sehr originelle Asanas heraus!
Der Große spielt inzwischen aber lieber Fußball.

„Wenn ich mal am Nachmittag zu hause übe, kommt meistens der Kleine und rollt seine Matte neben mir aus und übt mit."

Wo geht es hin in den Urlaub? 

Das hat sich sehr geändert seit wir Kinder haben. Früher bin ich am liebsten mit dem Rucksack durch die Welt gereist. Je länger je lieber. Je weiter desto besser.
Im Moment schätze ich die Beständigkeit.
Jetzt fahren wir mit den Kindern und Freunden jedes Jahr nach Formentera. Immer in das gleiche Haus. Die Kinder sind dort total selbstständig und glücklich.
Ich liebe diese Insel. Sie ist sehr besonders. Wenn mein Mann keine Zeit hat, fahre ich dort auch alleine mit den Kids hin.
Sonst sind wir viel, meist mit Freunden auf einem Bauernhof in Österreich.

Gibt es Yogapausen in deinem Leben (Urlaub etc) oder machst du jeden Tag Yoga?

Formentera ist der perfekte Ort für die tägliche Yogapraxis.
In München übe ich etwa 2mal die Woche bei anderen Lehrern. Zu Hause komme ich nicht jeden Tag zum üben. Manchmal ist einfach keine Zeit, neben dem Unterrichten, Kinder bringen und abholen, einkaufen, Essen kochen, Wäsche machen usw. usw.
Aber drei Mal die Woche nehme ich mir morgens, wenn alle aus dem Haus sind, Zeit für meine eigene Praxis. Dann muss alles andere warten.
Yoga hilft mir sehr, immer wieder den Boden unter den Füßen zu fühlen, um den täglichen Anforderungen gewachsen zu sein und um gleichzeitig offen und beweglich in meiner Wahrnehmung zu bleiben. Es gibt mir auch den nötigen Halt, um mich, gerade auch den Kinder gegenüber, in Geduld und Toleranz zu üben
Und mich auch für die vielen schönen, lustigen Momente zu öffnen.

Noch ein paar allgemeinere Fragen: 

Drei Must-Haves für jede Mama?

Freude an dem was sie tut, Vertrauen in sich und die Kinder und Unterstützung durch tolerante, mitfühlende Menschen.

Bastelmama oder Kaufmama?

Mal so mal so… natürlich würde ich gerne viel mehr mit den Kindern basteln und kreativ sein, als ich es dann doch schaffe. Aber Plätzchen backen und verzieren tun wir immer selber.

Kita oder lieber selbst betreuen?

Ich denke, das muss jeder für sich entscheiden. Wichtig ist die eigene Absicht und Intention zu finden. Was brauche ich, um ausgeglichen zu sein und was braucht mein Kind? Was können wir uns leisten? Worauf bin ich zeitweise bereit zu verzichten?
Ich glaube es ist wichtig, sich immer wieder klar zu werden, dass eben nicht alles zur gleichen Zeit machbar ist.
Im ersten Lebensjahr war es mir sehr wichtig, meine Kinder selber zu betreuen. Ich habe sie auch so lange gestillt. Uns war es wichtig, den Kindern so viel Bindung und Sicherheit zu geben wie möglich.
Trotzdem hatte ich immer wieder eine Babysitterin, die sich stundenweise um die Jungs gekümmert hat, damit ich Zeit zum unterrichten hatte. Geld blieb dadurch nicht hängen, aber es war für mich wichtig, ab und zu am Erwachsenenlebenteil zu nehmen.
Wenn die Betreuung in den Kitas gut ist, dann finde ich das eine super Sache.
Mit 18 Monaten kam Daniel in eine sehr tolle Montessori Krippe. Die Zeit dort tat uns allen gut.
Jetzt arbeite ich wieder mehr, und der Kleine ist auch mal den ganzen Tag im Kindergarten.
Ich habe nicht das Gefühl etwas verpasst zu haben. Im Gegenteil. Ich hab unglaublich viel dazu gewonnen.

Hast du durch die Kinder Seiten an dir entdeckt, die grauenvoll sind?

Ja natürlich. Meine Kinder stoßen mich regelmäßig auf meine furchtbaren Seiten.
Wahrscheinlich so lange, bis ich sie endlich überwunden habe.
Ich versuche es mit Humor zu nehmen und sage mir „mit meinen zwei kleinen, unerbittlichen Gurus hier zu Hause lerne ich bestimmt nie aus.“
Ich muss mich auch immer mal wieder bei ihnen entschuldigen, wenn ich mein Verhalten bei näherer Überlegung grauenvoll fand. Sie sind beide sehr süß und verzeihen mir viele Fehler.

* Er ist der Vater der sanften Geburtsmedizin, die auch als Leboyer-Methode bekannt ist. Leboyer stellte die Forderung auf, dass das Neugeborene liebevoll und ohne unnötigen Stress auf die Welt gebracht werden soll.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.