Neue Landliebe? – Anne berichtet

am 13.10.2015

Liebe Grüße aus dem Outback! Diesen Satz hat Anne über ihren Artikel für uns geschrieben. Sie ist vor einigen Wochen mit ihrer Familie von "Downtown" München an den Stadtrand gezogen. Die Frage, wie das auf dem "Land" so sei, hört sie seitdem häufiger. Ja, und wie ist es nun so? Anne berichtet.

Wer bist du? Anne Berwanger, 38 Jahre. Freie Journalistin und Autorin, verheiratet, Sohn Xaver Valentin (1,5 Jahre alt), Hund Löffel (knapp 3 Jahre)

Gerade gestern war mal wieder einer DIESER Momente. Ein Freund, den ich einige Wochen nicht gesprochen hatte, schickte mir eine aufgeregte Nachricht: „Ich hab’ gehört, du bist weggezogen!“

Öhm ja. Ähnliche Bemerkungen höre ich seit Bekanntgabe unseres Umzuges des Öfteren. Manchmal mitleidig: „Wie lange brauchst du denn in die Stadt?“ oder auch motivierend: „Für den Hund ist es bestimmt toll da draußen.“

Ich muss dann immer lachen und an dieser Stelle aufklären: Unsere kleine Familie hat es Anfang August von Bogenhausen (zugegeben: direkt am Prinzregentenplatz und damit quasi noch Innenstadtlage) nach Obermenzing verschlagen. Und das sogar ganz freiwillig. Allerdings empfinde ich ein Lamentieren über die neue Lage als Jammern auf hohem Niveau – denn was ist in München denn schon so richtig weit ab vom Schuss? Aber ich bin ja selbst schuld an dieser Art Bemerkungen, immerhin war ich lange Zeit eine durch und durch passionierte Stadt-Mama, genauer gesagt: Innenstadt-Mama. Gerade die erste Zeit nach Xavers Geburt habe ich es genossen, die Gegend zu Fuß unsicher zu machen. Im Vergleich zu allen anderen deutschen Städten ist München in dieser Hinsicht ein Traum: kein Viertel, keine Ecke, durch die man nicht mit Kinderwagen spazieren und dabei gemütliche Cafés, zauberhafte Läden oder hübsche Spielplätze entdecken kann. Das klappte alles auch wunderbar, solange Xavi nicht den unbändigen Wunsch hatte, doch bitte alle Wege selbst zu laufen und jedes Steinchen ausgiebig zu erkunden. Schwierig, wenn man direkt an einer großen Straße wohnt – und das nicht das einzige Hindernis war. Unsere wunderschöne Wohnung lag im dritten Stock eines Altbaus (also gefühlt im fünften) – und außerdem gibt es da ja auch noch Löffel, unseren verspielten und sehr lebhaften jungen Hund.

 

 

Während dieser in den letzten zwei Jahren zielstrebig seine aktuellen 32 Kilo anpeilte und auch das Kind immer schwerer wurde, biss ich die Zähne zusammen und schleppte beide mehrmals am Tag ohne Aufzug in den dritten Stock. Das muss man sich so vorstellen: Wonneproppenkind (zunehmend zappelnd) auf dem Arm, Wildfang-Hund einmal mit der Leine um den Oberkörper geschlungen in der rechten Hand, Handtasche über der Schulter, diverse Einkaufstüten in den Armbeugen und der freien Hand verteilt und ganz oft noch das Handy zwischen Schulter und Ohr festgeklemmt.

Funktionierte prima, aber diesem Arrangement durfte natürlich nichts in die Quere kommen. So wie ein verlorener Kinderschuh im ersten Stock oder unser lieber Nachbar Otto, der das ganze Konstrukt zwar skeptisch beäugte, aber trotzdem gerne und ausgiebig über Löffels neuen Haarschnitt plauderte, während mir die Gesichtszüge entgleisten und die Arme abfielen.

So viel also zur leidenschaftlichen Stadt-Mama. Während ich zunehmend von einem eigenen Garten und einem Parkplatz vor der Tür (plus einer Wohnung parterre!) träumte, hatte mein Mann in Gedanken schon seine Slackline zwischen den Bäumen in eben diesem Garten aufgespannt und den Monstergrill angeschmissen. Unser Entschluss, „raus“ zu ziehen, war deswegen ganz einfach ein logischer nächster und gemeinsamer Schritt.

 

 

Und was soll ich sagen? Es ist toll. Garten mit Grill, Planschbecken und Slackline sowieso, aber auch die entspannten Nachbarn, die uns regelmäßig mit frischem Bio-Obst „aus Eigenanbau“ versorgen („Gehen Sie einfach in den Garten und nehmen Sie sich, was Sie brauchen!“), der Pasinger Viktualienmarkt, zu dem Xavi und ich jeden Tag radeln, die Weite der Felder in Richtung Blutenburg, durch die Löffel mit großer Begeisterung herumtobt, und trotzdem die Nähe zur Innenstadt… Tatsächlich bin ich mit der S-Bahn in knapp 15 Minuten am Marienplatz, in 20 Minuten von Haus zu Haus bei meiner besten Freundin in Haidhausen. Alle Einkaufsmöglichkeiten und mein zuckersüßes Patenkind befinden sich in unmittelbarer Laufnähe, die Mamas sind entspannt, die Papas lässig (die Dichte an Familienvätern auf Longboards ist hier enorm hoch), die Gegend ist einfach bezaubernd.

Meine Angst, „da draußen“ als freiberufliche Mami zu vereinsamen, hat sich ebenfalls als völlig unnötig herausgestellt. Unsere lieben (Innen-)Stadtfreunde waren gerade an den heißen Tagen im August so froh über die Möglichkeit, der Hitze und Enge zu entkommen, dass wir jeden Tag full house hatten.

Und das Wichtigste: Mir geht das Herz auf, wenn ich Xavi dabei beobachte, wie er meine Hortensien-Büsche gießt (flutet), mit seinen neuen Kumpels durch den Garten rennt und sich viel freier bewegt und damit selbständiger wird als vorher. Er hat seit unserem Umzug einen riesigen Sprung gemacht und ist jetzt fast schon ein großer Junge. Klar, mit Laufrad und Bobby Car im Fuhrpark vor dem Haus…

 

 

Spaß beiseite: Wann immer ich ein klitzekleines bisschen wehmütig an unsere alte Hood denke – ich brauche immer etwas länger für einen Abschied – , muss ich mir nur unseren Sohn angucken, der jetzt im Herbst mit seinen Gummistiefeln draußen durch den Garten springt, oder unseren Hund, der sich wohlig im Gras wälzt, und ich weiß: Es ist alles in Ordnung so, wie es ist.

In diesem Sinne: Liebste Grüße aus dem Outback – das Leben hier draußen ist gar nicht so schlimm!

Danke liebe Anne! Über ihre Website erfahrt ihr mehr über Anne als Autorin und freie Journalistin außerdem hat sie erst vor kurzem ein spannendes Buch rund um das Olympiadorf in München geschrieben. Hier findet ihr mehr zum Titel Habitat.

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